ORT: Die Hälfte des Himmels

Zur Vor- und Nachbereitung unseres Offenen Roten Treffens veröffentlichen wir hier die Zitate, die als Diskussionsgrundlage der Termine zum Buch „Die Hälfte des Himmels: Frauenemanzipation und Kindererziehung in China“, dienen. Das Buch wurde von der französischen Feministin Claudie Broyelle verfasst, nachdem sie Teil einer Reisegruppe durch das sozialistische China im Jahr 1971 war. Sie schreibt dazu in der Vorbemerkung:

Ziel dieser sechswöchigen Reise war es, die revolutionäre chinesi­sche Erfahrung hinsichtlich der Frauenemanzipation zu unter­suchen. Dieses Buch ist das Ergebnis der Reise, unserer Reflektionen und Diskussionen sowie der Konfrontation mit unserer frühe­ren Arbeit und unseren individuellen Erfahrungen.

Das Buch ist in mehrere Teile mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten unterteilt. Wir diskutieren Ausschnitte der ersten drei Teile, aber empfehlen allen das ganze Buch zu lesen. Es wird nicht mehr verlegt und ist auf Deutsch nur noch antiquarisch erhältlich.


Teil 1: Die Arbeit verändert die Frauen, die die Arbeit verändern

Seite 14 – 15

Der Weg der chinesischen Industrialisierung und die Befreiung der Frauen

Die Fabrik für medizinisches Gerät Tchaou Yan in Peking besticht nicht durch ihr Äußeres. Einige Gebäude aus Ziegelsteinen auf gleicher Ebene in einem Hof, der an einen Schulhof erinnert. Und doch geschehen dort in aller Stille entscheidende Dinge für die Zukunft der Frauen. Zwei oder drei Tage nach unserer Ankunft wurden wir dort empfangen, und Ma Yüyin, eine Arbeiterin von etwa fünfzig Jahren, erzählte uns die Geschichte dieser Fabrik: »Bis 1958 blieben die meisten Frauen in diesem Viertel noch zuhause, um sich um ihre Familie, den Haushalt und die Kinder zu kümmern. … Das war zu der Zeit, als sich das ganze Land erhob, um den ›großen Sprung nach vorn‹ zu tun, d.h. daß alle Energien mobilisiert wurden, um eine neue Etappe in der Veränderung der Gesellschaft zu beschreiten. Auf dem Land organisierten die Bauern die Kooperativen auf einer höheren Ebene, um die Volkskommunen zu schaffen; die Industrie wurde weitgehend dezentralisiert und in den abgelegensten Gebieten entwickelten sich kleine industrielle Produktionseinheiten. Und wir, die Frauen, sollten wir zuhause bleiben und bei diesem Sturm abseits stehen? Der Vorsitzende Mao rief uns auf, auf unsere eigenen Kräfte zu trauen, uns der Haushaltsaufgaben zu entledigen und uns an den produktiven und gesellschaftlichen Aktivitäten zu beteiligen. Wir wollten dieser Aufforderung nachkommen und auch den großen Sprung nach vorn tun. Aber wie? Da entschlossen sich etwa zwanzig Frauen aus dem Viertel, »die Tür der Familie aufzustoßen« und hier in diesem Viertel eine Fabrik zu gründen. Das Straßenkomitee stellte uns zwei leere Schuppen dafür zur Verfügung. Von einem bestimmten Blickwinkel aus gesehen hatten wir alles gegen uns: wir waren sehr wenige, hatten keine Ausrüstung, keine Kinderkrippe, keine Kantine, keinerlei Produktionserfahrung (wir waren alle Hausfrauen), wir wußten nicht einmal, was wir produzieren sollten. Aber andererseits hatten wir große Trümpfe in der Hand: wir hatten uns nicht entschlossen zu arbeiten, um unserer Familie ein bißchen mehr Komfort zu verschaffen, wir wollten die Gesellschaft verändern, die Bedingung der Frau verändern. Die Frauen sollen die Türe des Hauses aufstoßen, die ihnen die Sicht versperrt! Wir wollten nicht mehr unserer Familie dienen, wir wollten dem Volke dienen.

[…] Wir hatten von zuhause unsere eigenen Werkzeuge mitgebracht: Hammer, Zangen, einige Schraubenzieher, Nägel, etc. Wir hatten nichts anderes. Wir sind in die Fabriken gegangen und haben uns Metallplatten und Eisenröhren geholt und dann haben wir uns an die Arbeit gemacht. Manchmal kamen Arbeiter nach ihrer Arbeit und zeigten uns, wie man es machen mußte.

Ein anderes großes Problem war die Beaufsichtigung der Kinder. […] Man hat sich beholfen, wie’s eben ging; die größeren paßten auf die kleineren auf, manche wurden noch von ihrer Mutter oder ihrer Schwiegermutter unterstützt und konnten sie ihnen anvertrauen. Es gab auch Nachbarinnen, die uns zu Essen brachten und uns ein bißchen halfen. Man kann sagen, daß das Problem durch die gegenseitige Hilfe zu jener Zeit gelöst wurde. Während der ganzen Zeit haben wir keinerlei Lohn bekommen. Oft blieben wir sogar bis spät in die Nacht in der Fabrik, um eine Arbeit, die wir uns vorgenommen hatten, zu beenden.

Seite 17 – 18

Ein Beispiel für den erfolgreichen Widerstand der Frauen

»In der Fabrik herrschte eine Atmosphäre von Solidarität, Begeisterung und Selbstlosigkeit. Häufig kam es vor, daß Arbeiterinnen nach ihrem Arbeitstag blieben, um eine Aufgabe zu beenden oder um sich eine schwierige Technik anzueignen. Natürlich waren wir nicht dazu verpflichtet, und wir wurden für diese »Überstunden« nicht einmal bezahlt. Soll man Prämien bekommen, wenn man die Revolution macht? Denn genau darum handelte es sich. Aber unsere Erfahrung fand nicht überall Anklang. 1961 beschloß ein Teil der Fabrikleitung, der den Befehlen der Pekinger Stadtverwaltung blind ergeben war, die Produktion zu »rationalisieren«; sie entschied einfach, daß wir für die anfallende Arbeit zu zahlreich wären und daß wir die Fabrikation der Wasserkessel einstellen sollten, da wir von jetzt an eine Fabrik für medizinisches Gerät wären. Mit welcher Mißachtung sie von unseren Wasserkesseln sprach! Diese »Reorganisation« sah vor, daß ein großer Teil von uns nach Hause zurückkehren sollte. Man glaubte, uns überzeugen zu können, indem man sagte, daß ›die Löhne der Männer erhöht werden würden, damit man zuhause bleiben kann, um sich um die Familie zu kümmern.‹ War es so nicht viel leichter? Aber diese Pläne stießen auf den heftigen Widerstand der Frauen, die erklärten: ›Wir werden nicht an unsere Herde zurückkehren, wir werden unsere Arbeitsplätze nicht aufgeben!‹ Das Leben in der Fabrik wurde sehr gespannt. Es gab einen erbitterten Kampf zwischen jenem Teil der Fabrikleitung, der auf den unmittelbaren Profit der Fabrik aus war und der vor allem die Befreiung der Arbeiterinnen verhindern wollte, und der großen Mehrheit der Arbeiterinnen, die so weitermachen wollte wie vorher.

[…] Für viele von uns gab es keine Arbeit mehr und auch keinen Lohn. Aber das macht nichts: man gibt uns keine Arbeit? Wir werden selbst welche erfinden! Wir haben keinen Lohn? Wir werden uns schon gegenseitig zu helfen wissen! Wir haben andere Fabriken gebeten, uns Arbeiten anzuvertrauen, die wir in ›unserer Fabrik‹ fertigstellten; einige Arbeiterinnen brachten Abbruchmaterial (Ziegel, Bleche, etc.) in die Fabrik; wir reinigten es und so konnte es wieder benutzt werden. Unsere Arbeit war nützlich, auch wenn sie nicht »rentabel« war; wir haben es bewiesen. Alle waren jedoch nicht imstande, diese Prüfungen zu bestehen, aber sie waren nur wenige, kaum fünfzehn. Entweder gingen sie in die großen Fabriken arbeiten oder sie kehrten ins Haus zurück. […] Vorher waren die Arbeiterinnen hier alle Hausfrauen in relativ vorgerücktem Alter, zwischen vierzig und fünfzig Jahren. Jetzt gibt es auch junge Schulabsolventinnen, die den älteren ihre Kenntnisse vermitteln und gleichzeitig bei ihnen die Qualitäten revolutionärer Hartnäckigkeit und proletarischer Standhaftigkeit der ehemaligen Hausfrauen erlernen. In unserem Viertel gibt es praktisch keine Frauen mehr, die zuhause bleiben, außer den Frauen, die schon zu alt oder bei schlechter Gesundheit sind, aber selbst für diese hat sich das Leben geändert. Sie helfen sich gegenseitig und übernehmen bestimmte häusliche Aufgaben, um diejenigen, die draußen arbeiten, zu entlasten; sie organisieren das politische und kulturelle Leben in den Wohnvierteln; sie sind nicht mehr isoliert wie früher. Diese Veränderung ist auf den ›Aufbruch‹ tausender Frauen in die produktiven und gesellschaftlichen Aktivitäten zurückzuführen. Natürlich sind wir Lohnarbeiterinnen, und es ist wichtig, daß wir unsere ökonomische Unabhängigkeit erlangt haben; aber man muß eine noch wichtigere Tatsache begreifen, nämlich daß wir gleichberechtigt in der Welt dastehen, daß wir uns um die kollektiven Angelegenheiten kümmern anstatt uns lediglich mit unseren Familienproblemen zu befassen. Wir haben aus der Produktion eine Waffe gemacht, um uns zu befreien, um dem chinesischen Volk und der Weltrevolution besser zu dienen.«

Seite 28

[…] In der althergebrachten Teilung zwischen Hand- und Kopfarbeit befinden sich die Frauen in ihrer überwiegenden Mehrheit auf der Seite der Handarbeit, und zwar in doppelter Hinsicht. Nicht nur, weil sie wie alle Arbeiter vom Wissen abgeschnitten sind, sondern auch, weil sie durch ihre »Einsperrung« in der Familie weniger als irgendjemand sonst in der Lage sind, sich einen allgemeinen Standpunkt zu verschaffen , sich ein Gesamtbild zu machen. Ihr Welt, das ist die Küche‚ das Kinderzimmer, das Ehebett. Sie sind die Hilfsarbeiterinnen des Haushalts.

Wenn sie daher von zuhause weggehen, um in den traditionellen Fabriken zu arbeiten, sind Sie, noch mehr als ihre männlichen Arbeitskollegen, lediglich dazu da »mysteriöse Befehle« auszuführen. Und umgekehrt sind sie die ersten, die bei einer revolutionären Umgestaltung der Beziehungen zwischen Intellektuellen und Arbeitern etwas gewinnen können.

Die Unterdrückung der Frauen rührt gerade daher, daß sie abseits der gesellschaftlichen Aktivitäten stehen und daß ihnen damit eine »gesellschaftliche« Sicht der Dinge versperrt ist; wie ließe sich diese Unterdrückung also besser beseitigen als dadurch, daß es ihnen möglich wird, sich wissenschaftliche Kenntnisse auf weitester Ebene anzueignen? Und zwar nicht als Schülerinnen, die vom großen Meister lernen, sondern dadurch, dass sie die Kooperation zwischen den Intellektuellen und den Arbeitern leiten? Eine weitere sehr wichtige Form der Aneignung globaler Kenntnisse durch die Arbeiter besteht darin, dass sie neue Berufe erlernen und die verschiedensten praktischen Erfahrungen machen.

Seite 29 – 31

Es gab einige Männer, die, unter Berufung auf die Gleichheit und das Prinzip »gleicher Lohn für gleiche Arbeit«, dagegen waren, dass die Frauen genauso bezahlt würden wie die Männer, denn, so argumentieren sie, »sie machen nicht die gleiche Arbeit, sie tragen nicht genauso schwere Lasten wie wir.« Pai sagte uns, dass diese Positionen zwar in der Minderheit wären, dass man sie aber dennoch häufig anträfe und dass sie Ausdruck des Kampfes zwischen zwei Wegen in der neuen Gesellschaft wären. »Diese Auffassungen müssen entschieden kritisiert und bekämpft werden, denn sie spiegeln eine feudale Haltung gegenüber den Frauen und der Arbeit wider. Gegenüber den Frauen, denn trotz unzähliger realer und historischer Fakten werden die Frauen von diesen Leuten immer noch als minderwertige Wesen beurteilt, die einen geringeren gesellschaftlichen Beitrag leisten, was natürlich grundfalsch ist. Gegenüber der Arbeit ebenso, denn nur die Sklavenhändler und die Ausbeuter bewerten die menschlichen Arbeiter nach denselben Kriterien wie diejenige, die die Tiere leisten: mehr oder weniger nach der physischen Stärke. Die tibetanischen Besitzer fanden zum Beispiel, daß ein starker und kräftiger Sklave gegen zwei weniger starke ausgetauscht werden könnte. In der neuen Gesellschaft, nach dem Beispiel von Dadschai, müssen wir die Arbeit eines jeden einzelnen vor allem aufgrund der politischen Haltung der Person — egal ob männlich oder weiblich — gegenüber der Gesellschaft und gegenüber ihrer Arbeit bewerten.«

[…] [Anm: Artikel aus der Roten Fahne vom Februar 1972]

»Aber die physische Stärke oder Schwäche darf auf gar keinen Fall als Vorwand für eine ungleiche Entlohnung zwischen Männern und Frauen dienen. Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Arbeit: entsprechend diesem Prinzip berücksichtigen die Normen, die die Aufteilung der Arbeit festlegen, die Quantität und die Qualität der effektiven Arbeit jedes Arbeiters sowie den mehr oder weniger großen Anteil, den seine Arbeit in der sozialistischen Produktion darstellt.«

Die Berücksichtigung der physiologischen Eigenheiten der Frau findet ihren Ausdruck auch in der Dauer des Urlaubs. Alle haben Anspruch auf einen Ruhetag pro Woche, aber die Frauen haben, sowohl auf dem Land als in der Stadt, darüber hinaus während ihrer Regeln vier freie Tage pro Monat. Die Frauen gehen mit fünfzig oder fünfundfünfzig Jahren in den Ruhestand, je nach dem, was für eine Arbeit sie bis dahin gemacht haben, und die Männer mit etwa sechzig Jahren. Diese Nuancen zwischen dem »absoluten Egalitarismus« und der Gleichheit zwischen den Geschlechtern mögen sehr heikel erscheinen und könnten der Auffassung von einer Ungleichheit, die sich auf die »Natur«, auf die Physiologie stützt, Vorschub leisten; denn wonach definiert sich die physiologische Natur des Geschlechts? Und wodurch zeichnet sich eine geschlechtsspezifische Fähigkeit aus, die doch durch die minderwertige Stellung der Frauen in der Gesellschaft kulturell bedingt ist? Es ist vielleicht nicht immer einfach, da eine Grenzlinie zu finden, andererseits ist es aber unerläßlich.


Teil 2: Für die Vergesellschaftung der Hausarbeit

Seite 42 – 45

Die Waschmaschinen und die Emanzipation der Frauen

Ich habe jene bürgerliche »Feststellung«, die da ganz naiv erklärt: »Heutzutage arbeiten die Hausfrauen in den Städten durchschnittlich genauso lange im Haushalt wie vor hundert Jahren«, immer sehr lehrreich gefunden. Übrigens glaubt man es gerne, wenn man weiß, daß eine Arbeiterin, Mutter von drei Kindern, die nicht »arbeiten geht«, immerhin etwa 14 Stunden im Haushalt tätig ist. Vor hundert Jahren hatten die Tage — leider — nur 24 Stunden, und es ist schlecht vorstellbar, daß unsere Urgroßmütter sich jeden Tag länger um den Haushalt hätten »kümmern« können.

Dennoch hat die massenhafte Industrialisierung in allen, oder fast allen, Produktionsbereichen bemerkenswerte und unbestreitbare Folgen gezeigt. Nehmen wir das einfache Beispiel der fast ausschließlichen Familienproduktion, die es vor vier oder fünf Generationen noch gab: die Anfertigung der Kleidungsstücke, das Einmachen und Pökeln, das Brotbacken, bisweilen auch das Weben; all das gehört längst nicht mehr zu den Pflichten der Frau. Wir finden alles im Handel, d.h. in der kapitalistischen Industrie.Die neue Massenproduktion von Haushaltsgeräten, wie zum Beispiel automatische Waschmaschinen, nimmt uns das sämtliche manuelle Arbeit ab. Aber was ist an die Stelle dieser ganzen Sklaverei. von der uns der Kapitalismus »befreit« hat, gekommen?

»Was machen sie eigentlich den ganz Tag?« Wir machen nicht weniger sondern etwas anderes auf unterschiedliche Art und bisweilen sogar unter schlechteren Bedingungen. Es stimmt, wir gehen mit unserer Wäsche nicht mehr ins Waschhaus. Aber unsere Urgroßmütter hatten keinen Mann, der in Schicht arbeitete, wodurch sie gezwungen waren, sich zwischen dem Rhythmus des Mannes, dem der Kinder in der Schule, und dem der Kaufhäuser oder Postämter zu vierteilen. Sie hatten keine Fahrzeiten und brauchten nicht zum »billigeren aber weiter entfernten« Supermarkt zu laufen. Sie verbrachten nicht ganze Nachmittage damit, von einem Büro zum anderen, von einem Spezialisten zum anderen, von einem Schalter zum anderen zu rennen, um die nötigen Papiere auszufüllen, damit der älteste Sohn die die Ferienkolonie fahren kann, um den jüngeren bei der Schule anzumelden, um die Arztkosten erstattet oder auch nicht erstatten zu bekommen, um den Personalausweis erneuern zu lassen, um eine Wohnung zu bekommen oder auch nicht zu bekommen, um eine zu besichtigen und sich sagen zu lassen: »Zu spät, sie ist schon vermietet«; um den Kleinen zum Gesundheitsamt zu bringen, sich dort anzustellen und am nächsten Tag wieder hinzugehen.Sie hatten keine Kinderkrippen, das stimmt, aber wir auch nicht bzw. sehr wenige und sehr traurige; aber sie hatten die Großeltern, wenn vielleicht auch nicht im selben Haus, so doch ganz in der Nähe und in ihrem Wohnviertel hatten sie alte Freundinnen, die sie seit langem kannten. Das, was wir »kennen«, ist das, was die Soziologen die „notwendige Mobilität der Arbeitskraft« nennen; drei oder viermal im Leben wechseln wir die Stadt; unser Viertel kennen wir kaum, und unsere Eltern sind zu weit entfernt, um auf die Kinder aufpassen zu können.

Früher gab es zwar kein fließendes Wasser und man mußte ins Waschhaus des Dorfes gehen, aber da traf man sich unter Frauen. Man diskutierte. Das fließende Wasser hat diesen Frondienst abgeschafft, aber damit auch gleichzeitig einen gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen den Frauen. Und die Arbeit des Wäschewaschens hinter den privaten Wänden wird von nun an »unsichtbar« und gesellschaftlich »inexistent«.

Staubsauger, Kühlschränke, Waschmaschinen: Wie schön! Man stürzt sich in Schulden, um sie zu kaufen; um sie zu warten und zu reparieren, müßte man Techniker sein. Also bringt man sie zum »Spezialisten«: „Das ist aber merkwürdig, dieses Modell wird gar nicht mehr hergestellt, es gibt keine Einzelteile mehr.« Eine vertrackte Angelegenheit! Paul wäre zwar imstande, das Ding zu reparieren, aber er hat keine Zeit. Aber wir Händler nimmt unseren alten Staubsauger in Zahlung: vor wenigen Sekunden war er nichts mehr wert und jetzt bietet man uns 50 FF dafür … unter der Bedingung, daß wir einen neuen kaufen, der 250 FF kostet. So gesehen ist die Mechanisierung eine zweischneidige Angelegenheit: zwar erleichtert sie manche Arbeiten, dafür schafft die Wartung dieser Apparate aber neue. Um sie richtig ausnutzen zu können, müßten solche Apparate kollektiv sein und ihre Wartung nicht jeder Familie, d.h. jeder Frau, allein überlassen bleiben …

[…] Natürlich gibt es Pausen, tote Zeit, denn man kann die Hausarbeit nicht auf Vorrat erledigen. Man kann die Strümpfe nicht stopfen, bevor sie Löcher haben, man kann das Geschirr nicht abwaschen, bevor es schmutzig ist. Manchmal nimmt die Arbeitsintensität ab, es entsteht richtige »freie Zeit«, vielleicht nachmittags zwei Stunden. Aber mit diesen zwei Stunden können wir nichts anfangen! Zu kurz, zu ungewiß, um einer regelmäßigen Tätigkeit »draußen« nachzugehen, sogar zu kurz, um Auszugehen, da man von allem zu weit entfernt ist. So werden die zwei Stunden, die man rausgeschlagen hat, zu zwei Stunden entsetzlicher Langeweile, Einsamkeit und Trostlosigkeit. In solchen Momenten gewinnt man Abstand und man kommt sich wie eine Marionette vor, die sich hin und her bewegt, ohne einen Finger zu rühren. Was hat das alles für einen Sinn? Sich kaputtzumachen, sein Letztes herzugeben, gestern, heute und morgen, und wofür? Das Haus in Ordnung zu halten, sich auszuruhen, »sich dem Familienleben zu widmen«, in die Ferien zu fahren, freie Zeit zu haben! … Von wegen! In Wirklichkeit geht es darum, sich hinreichend zu erholen, um am nächsten Tag wieder von vorne anfangen zu können, immer wieder, und unsere Kinder nach uns genauso … Es gibt Augenblicke, wo sich die Hände der Frauen, diese berühmten »Juwelen, nach denen ich verrückt bin«, am liebsten zu Fäusten ballen möchten. Nein, der Mixer befreit die Frauen nicht! Weder der Mixer noch das Waschmittel mit der Riesenwaschkraft. Denn man kann die Frau nicht befreien, ohne die Funktion der Familie in unserer Gesellschaft zu zerstören; diese Funktion heißt für die unterdrückten Klassen: zukünftige Arbeiter (die Kinder) produzieren, die heutigen Arbeiter (die Ehemänner) pflegen, ernähren, instandhalten, und zwar in der Weise, daß unsere Kinder und Männer »konsumgerecht« sind, so, wie die Bourgeoisie es will, d. h. Dass sie nichts anderes als Unterdrückte sein können — physisch, intellektuell, moralisch, politisch. Wenn der Kapitalismus, ohne seine eigene Existenz zu gefährden, die Arbeiter in großen Kasernen zusammenpferchen könnte, wo sie gerade zu überleben imstande wären, wenn er alle Kinder in Waisenhäuser stecken könnte, dann allerdings wäre die Bedingung der Frau vielleicht modifiziert. Sie würde derjenigen der Männer ähneln. Aber könnte man von Befreiung sprechen? Das ist jedoch eine absurde Hypothese, denn die Verfügbarkeit und die Konkurrenz der Arbeitskräfte untereinander bedeutet, daß diese sich privat reproduzieren, d. h. daß jeder einzelne, bei Strafe seines Ausschlusses aus der Produktion und seines Unterganges, selbst dafür verantwortlich ist, soweit wie möglich dem zu entsprechen, was der Kapitalist in jeder Hinsicht von ihm erwartet.

Man begreift, daß unseren Herrschenden nichts daran gelegen sein kann, diese Familie, eine so notwendige und bewährte Maschine, zum alten Eisen zu werfen.

Seite 63 – 65

Die Organisation der Hausarbeit in einer Arbeitersiedlung von Schanghai

In den Stadtvierteln wie in den Dörfern ist das »Volksrestaurant« oft das wichtigste Gemeinschaftsgebäude; oft ist es auch das älteste. Von den verschiedenen häuslichen Aufgaben waren es im allgemeinen die kollektiven Mahlzeiten, die als erste organisiert wurden. Zweifellos deshalb, weil es ein wichtiger Schritt für die Befreiung der Frauen von der Hausarbeit ist, wenn man ihnen die Alleinverantwortlichkeit für die Essenszubereitung abnimmt, aber auch, weil das öffentliche Interesse daran unmittelbar einsichtig ist und weil es im übrigen lediglich einiger großer Räume dazu bedarf. Nachdem wir eine Textilfabrik in Peking besichtigt hatten, führte man uns zum Restaurant des Wohnviertels in der Nähe dieser Fabrik (sie selbst hatte auch ihre eigene Kantine, die für die Familien und Freunde der dort Beschäftigten gleichfalls offen war). Dieses Restaurant war in einem großen Raum mit hohen Wänden untergebracht; nach dem Essen diente es als Theatersaal des Viertels, in dem Laien nach ihrer Arbeit Vorstellungen gaben. Es war Mittag, und die Stäbchen klapperten auf dem Porzellan. Hier ein Paar, das zusammen mit seinen Kindern aß, da eine kleine Alte, die an einem Tisch mit jungen Leuten diskutierte, dort wieder eine Gruppe von sechs- bis achtjährigen, die alle ruhig und ganz alleine ihr Essen einnahmen. Die Küche, die sich in einer Ecke befand, war durch lange Büffets vom Restaurant abgeteilt. Dort kaufte man sein Gedeck und setzte sich zum Essen an einen der langen Tische. Andere kauften das fertige Essen und nahmen es in Metalltellern mit nach Hause.

[…] Wir besichtigen eine Nähwerkstatt. Morgens gingen die Arbeiter von Wohnung zu Wohnung, um die reparaturbedürftigen Kleidungsstücke einzusammeln; zerrissene Hemden, durchlöcherte Strümpfe, aufgetrennte Hosen, abgerissene Knöpfe, Kleidungsstücke, die enger bzw. weiter gemacht werden sollten, etc. Dann kehrten sie in die Werkstatt zurück und machten sich an die Arbeit. Einer nähte Knöpfe und setzte Flicken auf, eine andere reparierte einen Saum, wieder andere arbeiteten an den Nähmaschinen. Innerhalb kurzer Zeit, oft noch am selben Tag, waren die Kleider repariert und wurden wieder in den Wohnungen abgeliefert, und das alles zu einem sehr niedrigen Preis, der kaum mehr als die Materialkosten deckte. Entsprechende Dienstleistungen gibt es fürs Wäschewaschen, Bügeln, Schuhreparaturen, Ausbessern der Bettwäsche sowie für die Maßschneiderei. Sie zeichnen sich durch zwei besonders wichtige Eigenschaften aus: sie werden mitten in den Wohnsiedlungen verrichtet, also in unmittelbarer Nähe der Verbraucher, und sie sind sehr billig und werden deshalb massenhaft in Anspruch genommen. Es gibt ebenfalls Bastlerwerkstätten, die die Reparatur der verschiedenen Haushaltsgeräte übernehmen: undichte Becken oder Töpfe ausbessern, Messer und Scheren schleifen, aber auch an Ort und Stelle beschädigte Schranktüren oder klemmende Fenster reparieren, etc. Es gibt auch Reinigungsdienste, die regelmäßig in den Wohnungen saubermachen, und auch das zu einem sehr geringen Preis.

Seite 66

Die entmystifizierte Hausarbeit

Wenn die Kollektivwerkstätten das Erscheinungsbild der Wohnviertel verändern, so verändern sie noch sehr viel entscheidender die Beziehungen zwischen den Bewohnern und in erster Linie das Leben der Frauen. Durch die Kollektivierung der Hausarbeit wird immer deutlicher, daß diese im Grunde eine Produktion wie alle anderen war; daß sie ihren familiären Charakter lediglich einer besonderen Organisation der Gesellschaft verdankte, die es erforderte, daß jede Familie selbst für sie zuständig ist; daß dieser familiäre Charakter nicht etwa aus der angeblichen »Natur« dieser Arbeit folgt. Wenn man die Strümpfe für alle stopft und zwar gemeinsam mit Männern und anderen Frauen, wird man besser begreifen können, daß diese Arbeit nur deshalb so sklavisch, so ruhmlos war, und man von ihr deshalb so »unterjocht« wurde, weil ihr nützlicher und notwendiger Charakter gesellschaftlich nicht anerkannt wurde. Dasselbe gilt auch für viele andere Arbeiten, sowohl in Frankreich als auch in der alten chinesischen Gesellschaft, d.h. alle manuellen Arbeiten werden verachtet, und diese Verachtung überträgt sich auf diejenigen, die diese Arbeit verrichten.

In unseren Ländern geht man noch weiter, als die Hausarbeit bloß zu verachten — man leugnet sie. Die Frauen arbeiten nicht, sie »beschäftigen sich«. Eine der vielleicht entscheidenden Eigenschaften dieser Werkstätten ist ihre erzieherische Funktion gegenüber den jungen Leuten und den Männern. Die Kollektivwerkstätten haben das, was die Frauen in unseren Ländern zu Recht »die unsichtbare Arbeit« nennen, fühlbar und handgreiflich gemacht. Niemand kann sie mehr übersehen. Und die Männer wie die Jugendlichen lernen, ihre Bedeutung anzuerkennen. Das zeigt sich daran, daß sie sich während ihrer freien Zeit freiwillig an der Arbeit in diesen Werkstätten beteiligen bzw. daran, daß sie gemeinsam neue Gebäude errichten, um neue Werkstätten aufmachen zu können.


Teil 3: Vergesellschaftung der Mutterfunktion

Seite 74 – 78

Die frühe Kindheit

Die Umwälzung der Mutterfunktion ist, wie wir sehen werden, ein gesellschaftliches Unternehmen von ungeheuren Ausmaßen. Es ist nur möglich durch veränderte Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, durch die Zerstörung der autoritären Hierarchie, der Unfehlbarkeit der Erwachsenen, etc. Es bedeutet, daß sich die Gesellschaft insgesamt zutiefst über die entscheidende Bedeutung dieser Umwälzung für die Befreiung der Frauen und für die Zukunft der Revolution bewußt ist. Die Mutterfunktion zu verändern heißt in erster Linie, die Mutter von der Sorge um die Kleinkinder zu entlasten. Es versteht sich von selbst, daß diese Frage mehr als jede andere nur mit der freien Beteiligung der Frauen behandelt werden kann.

Kinderkrippen oder »Bewahranstalten«?

Soweit es sich um die Verallgemeinerung einer »sozialisierten« Erziehungsweise der Kleinkinder handelt, ist der bürgerliche Staat heute gegen die Kinderkrippen; das kostet zu viel Geld, sicherlich, aber das ist auch ein bißchen zu kollektiv: langfristig gesehen könnte das unter Umständen den bürgerlichen Staat und die bürgerliche Familienstruktur unterminieren. Dagegen bietet die Ammen-Lösung alle notwendigen Garantien: Verstärkung des Familienprinzips durch die Ausschließlichkeit der Mutter/Kind-Beziehung, wobei das Kind lediglich die Familie wechselt. Der vorgegebene Rahmen bleibt derselbe: eine Frau, ein Heim, ein oder mehrere Kinder.

Von ihrer Struktur her gesehen, stellt die Kinderkrippe also einen beachtlichen Fortschritt dar. Die kapitalistische Kinderkrippe enthält bereits einige Elemente, die sich voll zwar erst im Sozialismus entfalten können, die aber jetzt schon vorhanden sind. Allerdings hat die Kinderkrippe weder die Aufgabe, die Emanzipation der Frauen voranzutreiben, noch die Kinder zu befreien, und deshalb ist sie heute in Frankreich eine ungeheuer widersprüchliche Realität. Untersuchungen zeigen, daß die große Mehrheit der Frauen, deren Kinder in Krippen untergebracht sind oder die sie gerne dort unterbringen würden, diese Lösung nur deshalb gewählt haben, weil es ihnen materiell unmöglich ist, ihre Kinder selbst zu beaufsichtigen; aber sie erklären ohne zu zögern, daß sie, wenn sie (materiell) dazu in der Lage wären, ihre Kinder lieber selbst beaufsichtigen würden. Was hat diese ambivalente Haltung zu bedeuten? Zum einen ist sie Ausdruck der Einstellung der Frau gegenüber der Arbeit in den kapitalistischen Gesellschaften […].

Fraglos spiegelt sich in dieser Haltung die hartnäckige Idee wider, daß die Rolle der Mutter unersetzlich ist, daß eine Frau dazu verpflichtet ist, ihre eigenen Kinder selbst zu erziehen und daß jede andere Beaufsichtigungsweise nur insofern Gültigkeit besitzt, als sie die privilegierte Mutter/Kind-Beziehung respektiert und nicht verändert. Obwohl es nicht so scheint, bewahrt die Beaufsichtigung des Kindes in der Krippe also dennoch diese Mutter/Kind-Beziehung; aufgrund der angewandten Ausbildungs- und Erziehungstechniken soll sie in der Kinderkrippe so weit wie möglich reproduziert werden. Aber in diesem Mißtrauen der Frauen gegenüber den Kinderkrippen liegt vielleicht noch etwas anderes, etwas, was völlig berechtigt wäre.

In Frankreich stehen die Kinderkrippen heute nicht im entferntesten unter der Kontrolle der Eltern. Ebenso wie in der Schule gibt man sein Kind morgens in der Krippe ab, um es abends zurückzuholen, und man hat nicht den geringsten Einfluß auf das, was in der Zwischenzeit passiert. Ganz unvermeidlich erscheinen also die Kinderkrippen als ein fremdes und feindliches Gebiet. Man kann nicht frohen Herzens bejahen, daß sein Kind schon in seiner frühesten Jugend einer Disziplin unterworfen wird, deren einziges Ziel darin besteht, den Kleinen Angst, Unterwürfigkeit und Konkurrenzverhalten anzuerziehen. […].

Dieses Mißtrauen der Frauen gegenüber den Kinderkrippen wird noch dadurch verstärkt, daß die Beschäftigung mit den Kindern ausschließlich Spezialisten überlassen ist. Alles ist darauf ausgerichtet, die Mutter (denn es geht immer um die Mutter, nie um den Vater) spüren zu lassen, wie unwürdig sie sich benimmt. Müßte nicht sie diese Pflicht erfüllen anstatt sie (und damit gleichzeitig ihr Kind) zu vernachlässigen und es Spezialisten, »Fremden« anzuvertrauen (so eine Rabenmutter!), denen man dann allerdings alle Befugnisse und alle Kenntnisse zuzubilligen hat. Diese Haltung macht die Mütter umso hilfloser, als die „mütterlichen Traditionen« heute praktisch verschwunden sind. Die Lebensbedingungen in unseren Ländern sind — wenn wir von der Situation auf dem Lande einmal absehen — dergestalt, daß das erste Kind eines Haushalts meistens tatsächlich das erste Baby ist, das man wickelt, anzieht und dem man die Flasche gibt. Die erfahrenen Großmütter sind nicht mehr da, um zu zeigen, wie sie es machten. Der ratlosen, mit Schuldgefühlen beladenen Mutter (»Ist es normal, daß ich mir nicht zu helfen weiß? Wie machen es die anderen? Irgendworan hapert’s bei mir, ich bin keine gute, keine richtige Mutter«, etc.) bleibt nichts anderes übrig, als sich von »Fachleuten« beraten zu lassen. […]

In einer Gesellschaft, wo man immer wieder die unersetzliche Rolle der Mutter für das Kind betont, kann die Frau ihre Rechte und Pflichten nicht voneinander unterscheiden; das läuft zwangsweise darauf hinaus, daß die Mutter es als einen Fehler empfindet, wenn sie ihr Kind in die Krippe, zu »Fremden« gibt, und daß sie sich nur damit entschuldigen kann, »daß ihr wirklich nichts anderes übrig blieb«. Indem man die Mütter, alle Mütter, schuldig spricht, hält man sie in einem Zustand der Unterwerfung und der ideologischen Abhängigkeit, die der Bourgeoisie nur recht sein kann. Dermaßen vertraut mit den Mechanismen und den Raffinessen der Repression werden sie zu den Erzieherinnen, die die Bourgeoisie braucht. Es ist nicht nur die Mutter, die das Kind so erzieht, wie es die Gesellschaft wünscht, sondern auch die Gesellschaft, die die Mutter — vermittelt über das Kind — nach ihren Bedürfnissen erzieht.

Seite 80 – 82

Organisation und gesellschaftliche Funktion der chinesisch Kinderkrippen

Den chinesischen Kinderkrippen liegt eine völlig andere Konzeption zugrunde: sie entspricht einer Auffassung wie sie auch von Lenins Frau Krupskaja vertreten wurde, die gegen die beiden Theorien Stellung bezog, nach denen die Kinder entweder Eigentum der Eltern oder Eigentum des Staats sind: »Die Kinder gehören weder ihren Eltern; noch dem Staat, sondern nur sich selbst«, denn der Staat ist ja dazu bestimmt, unter dem Kommunismus abzusterben. Deswegen ist übrigens die ganze Gesellschaft mit allen ihren Gliedern und nicht etwa der Staat gegenüber den Kindern verpflichtet; wir alle sind für ihre physische, intellektuelle, moralische und ideologische Ausbildung verantwortlich.

In China gibt es Kinderkrippen an den Arbeitsplätzen und auch in den Wohnvierteln; erstere sind vor allem für die Säuglinge bestimmt, deren Mütter mehrmals am Tag kommen, um sie zu stillen. Die Zeit, die sie zum Stillen brauchen, wird ihnen übrigens als Arbeitszeit angerechnet und daher nicht von ihrem Lohn abgezogen. Darüber hinaus haben diese Krippen noch eine wichtigere politische Bedeutung: wenn man die Kinder mit an den Arbeitsplatz nimmt und alle Arbeiter mit ihrer Existenz konfrontiert, so wird damit gesagt: »Hier sind die Kleinen, die wir zusammen gemacht haben und für die wir alle verantwortlich sind; normalerweise seht Ihr sie nicht, Ihr stellt Euch sicher vor, daß sie sich auf irgendeine geheimnisvolle Weise ernähren, sich waschen, sich anziehen, sich versorgen, ohne daß sich jemand darum zu kümmern brauchte. Wacht also auf, öffnet die Augen, da sind sie. Was werdet Ihr, was werden wir alle mit ihnen machen?« […].

Die Krippen sind jeden Tag vierundzwanzig Stunden lang in Betrieb. Somit wird den Eltern, die es gerne möchten, ermöglicht, nach ihrer Arbeit kulturellen, künstlerischen, politischen, etc. Aktivitäten nachzugehen; allerdings wird das nur bei Kleinkindern so gehandhabt bzw. bei denjenigen, die keine älteren Geschwister haben, welche zuhause auf sie aufpassen könnten.

Wenn das Kind etwas größer ist, etwa im Alter von zwei Jahren, kehrt es normalerweise jeden Abend zu seinen Eltern zurück. Es besteht auch noch eine andere Möglichkeit: man nimmt das Baby abends mit nach Hause, und an den Tagen, wo man ausgehen will, gibt man es in die Krippe. Da außerdem viele Fabriken Tag und Nacht in Betrieb sind, steht es den Eltern jederzeit frei, ihr Kind nachtsüber in der Krippe zu lassen und es am Tage für einige Stunden zu sich zu nehmen. Die Kinderkrippen der Fabriken sind unentgeltlich. Diejenigen in den Wohnvierteln werden zum Teil von den Fabriken unterhalten, in denen die Eltern arbeiten, und zum Teil aus dem Kollektivfonds des Wohnviertels finanziert. Die Eltern brauchen nur einen sehr geringen Beitrag zu zahlen.

[…] Zusammen mit Edith und Daniéle betrat ich einen Raum, in dem Jungen und Mädchen von drei bis vier Jahren an kleinen runden Tischen saßen und am Haushaltsunterricht teilnahmen. Sie lernten gerade abzuwaschen. Könnten wir uns vorstellen, daß ein kleiner Junge imstande ist, einen Eßnapf mit einem Schwamm geschickt zu säubern und abzutrocknen?

Seite 86 – 88

Die kapitalistische Schule befreit die Familie nicht von der Erziehung der Kinder

Wenn ihre Rolle als Nährmutter beendet ist, hören die Pflichten der Mutter keineswegs auf.

Alle Familienmütter wissen das; die Kinder, das erfordert nicht nur Arbeit, das nimmt nicht nur Zeit, das schafft auch Sorgen. Und wenn es nicht um die Gesundheit geht, dann geht es um die Schule. Daß ihr Kind in der Klasse mitkommt, daß es ein guter Schüler, vielleicht sogar der beste ist — das ist der Ehrgeiz vieler Eltern. Und damit es das schafft, ist die Mutter zu großen Opfern bereit; bereit, ihm irgendwelche Belohnung vorzugaukeln, wenn es einen guten Platz erzielt, den Polizisten zu spielen, wenn es nicht arbeitet, es fünfzehnmal seine Lektionen hersagen zu lassen. Wenn dem so ist, dann deshalb, weil die Schule die Kinder in einen Geiste des Wettbewerbs, der Rivalität, des Individualismus erzieht.

Man sagt ihnen: »Geht los! Und der Beste soll gewinnen!« Aber der Wettkampf wird gefälscht. Das Ergebnis steht von vornherein fest. Die Arbeiterkinder müssen eine andere Strecke zurücklegen als die Söhne der Bourgeois. Und am Ende der Schulzeit sind sie, von einem winzigen Prozentsatz abgesehen, so klug wie zuvor und werden auf den Arbeitsmarkt geworfen wie ihre Väter. Immerhin werden sie auf den Schulbänken gelernt haben, daß sie sich gegenseitig mißtrauen müssen, daß man darauf angewiesen ist »sich durchzuschlagen«. Da man von jedem einzelnen verlangt, daß er für seine Erfolge und Mißerfolge voll verantwortlich ist, bleibt der Familie, und ganz besonders der Mutter, nichts anderes übrig, als alles daran zu setzen, daß ihr Kind »es schafft«, am besten oder so wenig schlecht wie möglich. Damit befindet sich die Familie in einem heftigen Widerspruch, durch den die Situation der Frau deutlich gekennzeichnet ist. Einerseits ist sie ihrem Mann verpflichtet; sie muß sich um ihn kümmern und vor allem hat sie darauf zu achten, daß er, wenn er nach Hause kommt, keinen Ärger mit den Kindern hat, daß er sich so gut oder so wenig schlecht wie möglich ausruhen kann; und deshalb hat sie dafür zu sorgen, dass die Kinder die Rechte des Vaters auf Familienfrieden und Entspannung respektieren, Aber andererseits ist sie die Mutter, die Erzieherin, und in dieser Eigenschaft muß sie sich voll und ganz ihren Kindern widmen. Es versteht sich von selbst, daß die Frau, und vor allem die arme Frau, sich dieser beiden widersprüchlichen Funktionen nie entledigen kann. Und von diesen beiden Anforderungen ist es die unmittelbar bestimmende, die sich durchsetzt. Damit der Mann sich erholen kann, schickt die Mutter ihre Kinder zum Spielen auf die Straße. Aber indem sie das tut, ist sie noch mehr von ihrer persönlichen Verantwortung für die Mißerfolge Kinder überzeugt.

Die kapitalıstische Schule hat der Familie die Verantwortung für die Erziehung der Kinder nicht abgenommen, sie hat sie pervertiert. Sie ist eine »Verantwortung« geworden, für die die Familie nicht »verantwortlich« ist, in die sie sich nicht einschalten kann, da das letzte Wort sowieso die Schulbürokratie hat; sie ist ein »göttlicher Fluch« geworden, gegen den man nichts vermag, außer sich zu unterwerfen.

Seite 93 – 94

Beziehung: Eltern — Schule — Kinder

In der Schule von Nanking empfing uns der Vater eines Schülers. Wir diskutierten über die Rolle der Eltern innerhalb und außerhalb der Schule: »Meiner Meinung nach«, sagte er, »spielen die Eltern in der Schulerziehung eine wichtige Nebenrolle. Sie beteiligen sich an der Kritik des ehemaligen Erziehungssystems. Und wenn in Nanking ein neues Schulprogramm ausgearbeitet wird, dann haben wir häufig Versammlungen zusammen mit den Lehrern und der Arbeitsbrigade, um darüber zu diskutieren, wie wir das Programm konkret in der Schule anwenden können. Es ist wichtig, daß die Eltern den ideologischen Inhalt der Schulerziehung kennen und begreifen lernen. Das ermöglicht ihnen, an dieser Erziehung mitzuarbeiten. Sie wissen sicherlich, daß in China der wöchentliche Ruhetag für jede Produktionseinheit und für jede Werkstatt sehr verschieden liegt. Jetzt fordern die Lehrer, daß die Eltern ab und zu an ihren freien Tagen in die Schule kommen. Wir wohnen dem Unterricht bei und so können wir sehen, wie sich die Kinder in der Klasse verhalten, Wir unterhalten auch Beziehungen zu den Lehrern, die ihrerseits regelmäßig die Familien der Schüler besuchen kommen. Wenn ein Schüler ein Problem hat, können die Eltern, die ihr Kind gut kennen, gemeinsam mit dem Lehrer sich darum bemühen, dem Kind bei der Überwindung des Problems zu helfen. Die Zusammenarbeit ist notwendig. Dreimal im Semester treffen sich die Familien der Schüler, um über die Schule zu diskutieren, über die Mängel und über das, was verbesserungsbedürftig ist. Aber zur Lösung der Probleme arbeiten die Lehrer vor allem mit den Kindern selbst und mit der Arbeitsbrigade zusammen.«