Über die Ehrlichkeit

Wir veröffentlichen einen kurzen Text, der als Reflexion über Unehrlichkeit bei Kritik und Selbstkritik in unserer Organisation entstanden ist. Wir hoffen, damit anderen roten Gruppen bei der Verbesserung ihrer Arbeitsmethoden helfen zu können, weil wir denken, dass das Problem nicht nur uns betrifft.

Als Kommunisten tun wir uns zusammen, um den bürgerlichen Staat zu zerschlagen, die Kapitalisten zu enteignen, und eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzubauen, in der jeder nach seinen Fähigkeiten arbeitet, und nach seinen Bedürfnissen bekommt.

Wir organisieren uns in einer demokratisch-zentralistischen kommunistischen Partei, weil nur diese Organisationsform dem Zweck, den bürgerlichen Staat zu zerschlagen und das Proletariat zu führen, gemäß ist.

Der demokratische Zentralismus kann nur funktionieren, wenn es ein funktionierendes Berichtswesen gibt. Es gibt keine zentrale Führung der Organisation, wenn die zentrale Führung taub und blind ist, und nicht weiß, was in der Organisation und der Welt passiert.

Die Dezentralisierung der Verantwortung bedeutet, dass Individuen Verantwortung übernehmen, und dann Aufgaben selbständig durchführen, und dann auch davon berichten. Diese Berichte müssen wahrheitsgemäß sein, damit die Organisation weiß, was passiert ist, was gut lief, und was korrigiert werden muss.

Die meisten Genossen, die in der aktuellen Situation des Klassenkampfes falsche Berichte abgeben, sind keine Geheimagenten oder V-Leute. Es ist weitaus langweiliger, aber ähnlich schädlich. Aus Scham, aus Konfliktscheue, aus Eitelkeit, aus Konkurrenzdenken, aus allen erdenklichen Formen des bürgerlichen Individualismus heraus berichten Genossen unehrlich.

Die Lüge ist die absichtliche Falschdarstellung und Weglassung wesentlicher Punkte. Doch auch andere Formen der Unehrlichkeit sind schädlich. Beschönigende und vage Formulierungen, Übertreibungen, Untertreibungen, passivische Konstruktionen, die die eigene Verantwortung leugnen, und Handlungen als Geschehen mystifizieren. All das sind Formen der Unehrlichkeit.

Dieses Redeverhalten führt dazu, dass die Organisation keine objektive Grundlage hat, um Entscheidungen zu treffen, und Kritik und Selbstkritik zu entfalten. Das heißt, es behindert die Praxis und Entwicklung der Organisation.

Das ist allgemein und abstrakt. Auf dieser Ebene wird es wohl jedem klar sein, der sich schon mal mit dem Konzept des demokratischen Zentralismus beschäftigt hat. Näher an der Lebensrealität von Genossen aus der Roten Jugend:

Ein organisatorisches Treffen, auf dem die Unwahrheit gesagt wird, ist anstrengend wie Sau. Wenn man ehrlich berichtet, und sein Redeverhalten an dem Zweck ausrichtet, sich selbst und die Organisation zu entwickeln, dann wird die Haltung der Genossen zueinander vertrauens- und liebevoll sein, und die Stimmung im Allgemeinen gut. Wenn man unehrlich berichtet, um das eigene Ego zu schützen, dann müssen alle Genossen im Grunde genommen dauerhaft Werwolf spielen, und nicht nur an der Sache entlang denken, sondern auch die ganze Zeit auf einer Metaebene überlegen, inwiefern der Bericht gerade verfälscht wird. Das bedeutet für alle Genossen permanenten Stress, unproduktive Gespräche, und sich in die Länge ziehende Treffen. Das vergiftet die Atmosphäre.

Wenn man es ernst meint mit der Revolution, dann muss ein solches Verhalten von Genossen bei einem ziemlichen Stress auslösen. Das fördert den Pessimismus und lähmt die Produktivität der Organisation. So kann ein verfälschter Bericht dann dazu führen, dass lauter andere Aufgaben schlechter erledigt werden, oder auf ideologischen Treffen aus einer pessimistischen Haltung heraus rechtere Standpunkte eingenommen werden.

Als Kommunisten müssen wir unser Redeverhalten auf Treffen unserer Organisation danach ausrichten, dass sie ein guter Beitrag zur Entwicklung der Organisation sind, damit diese ihre Rolle im Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie erfüllen kann. Das bedeutet unter anderem, dass wir schonungslos gegenüber uns selbst sein müssen.

Die Schonungslosigkeit gegen einen selbst ist die Haltung, die daraus folgt, dass man in der Hauptsache den Standpunkt des Proletariats einnimmt. Wenn man versucht, die eigene Haut zu retten, und von Kritik verschont zu werden, und dafür unehrlich berichtet, mit all den oben beschriebenen zusätzlichen schädlichen Effekten, die das hat, dann weil man in der Hauptsache auf dem Standpunkt des eigenen Individuums steht. Indem man den Zweck hat, trotz der eigenen Fehler als der tollste Hecht anerkannt zu werden, sabotiert man den eigenen und kollektiven politischen Zweck.

Besonders absurd daran ist, dass man durch den falschen Bericht den anderen erschwert, einen für die Fehler zu kritisieren, also auch in Zukunft weniger Fehler zu machen, also dieser „tolle Hecht“ zu werden. In einer Organisation, die aus Leuten besteht, die in der Hauptsache den proletarischen Klassenstandpunkt einnehmen, werden Individualisten belächelt bis verachtet. Der Versuch, hier durch die klassischen Manöver des bürgerlichen Strebens nach Anerkennung Erfolg zu haben, ist zum Scheitern verurteilt. Es ergibt nicht mal immanent Sinn, deshalb ist es absurd und tragikomisch.

Die Hauptsache ist der innere Widerspruch, aber natürlich ist die Gruppe der äußere Widerspruch, und man muss darauf achten, dass man keine Gesprächskultur pflegt, die die Unehrlichkeit fördert. Wenn Menschen angeschrien und gedemütigt werden, neigen sie dazu, Strategien zu entwickeln, um das zu vermeiden, und Lügen ist eine davon. Die Kritiker müssen auch selbst darauf aus sein, dem Kritisierten zu helfen, und eine Form wählen, die zu diesem Zweck passt. Es gilt der Leitsatz von Mao Tse Tung: „Dem Hörer zur Lehre und dem Sprecher nicht zum Tadel! Wenn du sprichst, sag alles!“ Aber genauso wichtig bei Kritik und Selbstkritik ist es eben auch, dass man einen Patienten hat, der gerettet werden will, und wenn man lügt, dann sabotiert man die Kritik und Selbstkritik.